Endlich Nebensaison
Das Schaulaufen an der Côte d’Azur ist zu Ende. Die Megayachten liegen fest vertäut in den Häfen, die Selbstdarsteller sind weitergezogen. Dabei ist gerade der Herbst die schönste Jahreszeit an Südfrankreichs Mittelmeerküste. Genießer wissen das.
Sie haben ihr Spielzeug liegengelassen, einfach am Kai festgebunden und sind nach Hause geflogen – nach all den schönen Stunden im Sommer, all den Partys unter der Mittelmeersonne: zurück nach Amerika, nach England oder in die Emirate. Die Teakholzmöbel haben sie draußen stehen lassen, die hellen Polster liegen noch immer auf den riesigen Sofas, und alles drumherum ist so blitzsauber und hochglanzpoliert wie immer.
Über Nacht sind die Eigner der über 50 Meter langen Megayachten in den Häfen von Antibes, von Cannes und Saint-Tropez verschwunden, als hätten sie plötzlich keine Lust mehr gehabt, weil das Thermometer an der Französischen Riviera mal auf unter 25 Grad gefallen ist. Oder weil es einmal gewittert hat. Sie unterschätzen offenbar den Herbst an Südfrankreichs Mittelmeerküste. Ein großer Fehler.
Denn in Wahrheit ist er die schönste Zeit – zusammen mit dem Frühling. Nun ist es längst nicht so voll wie im Hochsommer, auch nicht so heiß, aber noch immer an vielen Tagen bis weit in den Oktober hinein herrlich sonnig und warm. In den schönsten Straßencafés von Antibes, in den stimmungsvollsten Restaurants von Cannes, auf den Stegen der Bars an der Plage de la Garoupe auf dem Cap d’Antibes sind wieder auf Anhieb freie Plätze zu bekommen – und anders als im Sommer haben die Kellner jetzt sogar wieder Zeit für ein Lächeln.
Angeben passt nicht zum Herbst
Es scheinen andere Menschen zu sein, die nun an der Côte d’Azur unterwegs sind – oder sie fallen mehr auf als im Sommer: eher die Genießer, eher die Stilleren. Es sind Leute, die den großen Auftritt nicht zelebrieren müssen, und die sich, wenn sie die Wahl haben, lieber gar nicht groß in den Mittelpunkt rücken wollen.
Es sind Leute, die stundenlang den Boule-Spielern auf dem Place des Lices in Saint-Tropez zuschauen oder über den Künstlerflohmarkt an der Promenade de la Pantiero in Cannes bummeln. Es sind Leute, die sich am klaren Licht, der samtigen Luft, dem leichten Salzgeschmack auf den Lippen, dem Geruch nach Meer erfreuen.
Es sind Menschen, die morgens zwischen den Marktständen mitten in der Altstadt von Antibes Rucola, Brokkoli und Lamm fürs selbst zubereitete Abendessen in der Ferienhausküche einkaufen und anschließend erst einmal am nahen Stadtstrand La Gravette unterhalb der Festungsmauer die Sonne genießen.
Was er denn mache, wenn er nicht dort liege, will eine Frau von ihrem Strandnachbarn wissen? “Ach”, sagt der, “am liebsten genau so wenig wie jetzt gerade.” Beide lachen. Dass er später in sein Porsche-Cabrio steigen wird, verschweigt er nun. Denn so ist es viel schöner. Angeben passt nicht zum Herbst.
Schicke Autos – und vor allem teure – sind auch jetzt noch an der Côte unterwegs, winden sich die Kurven der Küstenstraße Corniche d’Or entlang. Aber die Zeit, wo derselbe Ferrari, Aston Martin oder Bugatti im Fünf-Minuten-Takt mal in die eine, mal in die andere Richtung durch Antibes oder über die Croisette von Cannes rollt und sich Fahrer und Begleiterin an den neugierigen Blicken der Passanten ergötzen – diese Zeit ist jetzt vorbei.
Die Selbstdarsteller sind seltener zu sehen. Dabei ist die Bühne genau dieselbe geblieben. Als hätte es irgendwer für alle entschieden, stehen plötzlich keine Inszenierungen mehr auf dem Spielplan. Was dort jetzt abläuft, ist der ganz normale Alltag.
Hollywood-Star? Oder Finanzmogul?
Da ist ein Liebespaar, das auf der Terrasse der Grimaldi-Festung von Antibes Händchen hält, während draußen auf dem Meer eine letzte Yacht Kreise fährt. Da sind die beiden Alten, die sich ein faltbares Schachbrett mitgebracht haben und im Schatten der Kirche Notre Dame de l’Assomption auf einem Klapptischchen sitzen und spielen.
Und aus dem geöffneten Küchenfenster des Restaurants Taverne du Safranier zwischen den engen Altstadtgassen klingen Chansons von Patricia Kaas. Und es riecht nach gebratenem Fisch. Neben den Bäumen auf dem Platz davor sind Tische gedeckt: noch keiner da.
Nur die Kellnerinnen stehen ganz entspannt zusammen, plaudern, lachen, und aus den Wipfeln der Bäume schauen ein paar Singvögel zu. Eine beschriftet derweil mit Kreide die Tafel mit dem Tagesgericht: Dorade vom Grill mit provençalischen Kräutern und Rosmarinkartoffeln für 16, Pulpo-Salat für 9 Euro.
Manchmal schauen auch die Crews der in gut 500 Meter Luftlinie sicher vertäuten Megayachten hier vorbei, meistens bleiben sie an Bord. Die Besatzungen stehen rund ums Jahr bereit, falls es sich die Eigner doch mal anders überlegen, weil ihnen irgendwer von den Schönheiten des Herbstes an der französischen Mittelmeerküste erzählt hat oder sie spontan wieder vorbeischauen sollten. Oder falls sie das Millionenschiff mal eben aus einer Laune heraus auf einen anderen Kontinent verlegen lassen, weil dort gerade die Sonne wärmer scheint.
Meistens haben die Crews ihre Ruhe bis Anfang Mai. Es ist die Zeit, in der sie “ihre” Schiffe genießen und endlich mal selber ausprobieren, wie es sich anfühlt, auf dem Oberdeck in der Sonne zu liegen und auf dem Achterdeck zu Abend essen. Von den Flaneuren am Kai werden sie in solchen Momenten für die Eigner gehalten, möglichst unauffällig mit Handy oder Fotoapparat geknipst.
Im Weitergehen diskutieren die derweil, welcher Hollywood-Star der braungebrannte Typ in Badehose und T-Shirt dort auf dem Achterdeck-Sofa wohl gewesen sein wird. Der tut lieber, als bemerke er nichts. Schließlich ist das Schaulaufen zu Ende: endlich Nebensaison.
Quelle: SPIEGEL ONLINE
